
Radon ist ein Gas, das man weder sieht noch riecht nochschmeckt – und genau das macht es tückisch. Es entsteht beim natürlichen radioaktiven Zerfall von Uran, das in praktisch jedem Boden und Gestein in geringen Mengen vorkommt, und steigt aus dem Untergrund kontinuierlich nach oben. Im Freien verdünnt es sich sofort auf ungefährliche Werte. In geschlossenen Räumen, vor allem in Kellern und erdberührten Erdgeschossen, kann es sich dagegen anreichern – begünstigt durch den kleinen Unterdruck, der zwischen Innen- und Außenraum eines Gebäudes herrscht und Bodenluft regelrecht ins Haus saugt.
Radon selbst wird größtenteils wieder ausgeatmet. Gefährlich sind seine kurzlebigen radioaktiven Zerfallsprodukte, die sich an Staubpartikel in der Raumluft anlagern und beim Einatmen in der Lunge verbleiben, wo sie ionisierende Strahlung abgeben. Nach dem Rauchen gilt Radon als zweit häufigste Ursache für Lungenkrebs – bei Menschen, die nie geraucht haben, sogar als häufigste Ursache. In Italien werden Radon jährlich schätzungsweise rund 3.500 Todesfälle zugeschrieben.
Seit 2020 regelt das Gesetzesvertretende Dekret Nr. 101/2020 den Umgang mit Radon in Innenräumen umfassend. Für Arbeitsplätze – dazu zählen ausdrücklich auch unterirdisch oder ebenerdig gelegene Räume – gilt ein Referenzwert von 300 Bq/m³ als Jahresmittelwert (Art. 17). Liegt der gemessene Wert darunter, muss erst nach acht Jahren erneut gemessen werden. Wird der Wert überschritten, muss der Betrieb innerhalb von zwei Jahren mit Unterstützung eines eigens dafür qualifizierten Sanierungstechnikers Gegenmaßnahmen umsetzen und danach alle vier Jahre erneut messen. Betroffen sind laut Gesetz übrigens auch Wohnungen, in denen professionell gearbeitet wird – etwa von Tagesmüttern oder Pflegekräften.
Die Landesagentur für Umwelt und Klimaschutz hat die Radonbelastung in Südtirol systematisch erhoben. Im Landesdurchschnitt überschreiten rund 11 Prozent der untersuchten Häuser im Erdgeschoss den von der EU empfohlenen Eingriffswert von 400 Bq/m³, in etwa 2 bis 3 Prozent der Häuser liegen die Werte sogar über 1000 Bq/m³. Die Radonkarte der Landesagentur zeigt dabei deutliche geografische Unterschiede: Besonders betroffen sind Gebiete im Vinschgau, im Eisacktal und im Pustertal – Regionen mit geologischen Untergründen, aus denen mehr Radon austritt als anderswo im Land. Um die Datenlage weiter zu verbessern, hat die Landesagentur zusätzlich eine Citizen-Science-Initiative gestartet: Interessierte Haushalte erhalten ein Messkit per Post, platzieren den Dosimeter zwölf Monate lang in ihrer Wohnung und schicken ihn anschließend zur Auswertung zurück.
Für Bauherren und Planer sind vor allem zwei Dinge relevant. Erstens: Die Werte schwanken selbst innerhalb eines Gebäudes stark – am höchsten sind sie fast immer im Keller, spürbar niedriger schon im ersten Obergeschoss. Zweitens: Radonschutz lässt sich im Neubau mit überschaubarem Aufwand mitplanen, während er im Bestand deutlich aufwendiger nachzurüsten ist. Zu den wirksamsten Maßnahmen zählen eine sorgfältig abgedichtete Bodenplatteohne Risse und Durchdringungen, eine kontrollierte Wohnraumlüftung, die den Unterdruck im Gebäude reduziert, sowie bei stark belasteten Grundstücken ein sogenannter Radonbrunnen – ein System, das die Bodenluft gezielt unter der Bodenplatte absaugt und nach außen ableitet, bevor sie überhaupt ins Gebäude eindringen kann. Wer in einer der bekannten Risikozonen baut, sollte eine Radonmessung ohnehin von Anfang an in die Planung einbeziehen, statt sie erst nach dem Einzug nachzuholen.
AutonomeProvinz Bozen – Landesagentur für Umwelt und Klimaschutz: Radonkarte Südtirol (Erhebung der Radonbelastung, Vinschgau/Eisacktal/Pustertal) – https://umwelt.provinz.bz.it/strahlung/radonkarte.asp
AutonomeProvinz Bozen – Dienststelle für Arbeitsschutz: Sicherheitsbericht Radon (Referenzwert 300 Bq/m³, Art. 16/17 Gesetzesvertretendes Dekret 101/2020) – https://www.provincia.bz.it/verwaltung/personal/downloads/Radon_SB.pdf
AutonomeProvinz Bozen – Landesagentur für Umwelt und Klimaschutz, Amt für Luftanalysenund Strahlenschutz: Radon-Citizen-Science-Initiative – https://bogelso.sinanet.isprambiente.it/files/qualita-dell2019aria-indoor-e-rischio-radon-rassegna-di-iniziative-e-buone-pratiche_documentazione-di-supporto/26_-radon-e-citizen-science.pdf
Landratsamt Ebersberg: „Radon – Messung und Bewertung“ (Gesundheitswirkung, Lungenkrebsrisiko) – https://lra-ebe.de/hostedmedia/2812/sg44_radon-messung-ung-bewertung.pdf